Der Realität ins Auge blicken: Warum sich die Wirtschaft auf turbulente Zeiten einstellen sollte.
Erstellt für die Management-Kolumne der Süddeutschen Zeitung (März 2006)
Der Republik ist Optimismus befohlen. Ob Bundeskanzlerin, Wirtschafts- und Finanzminister oder Sozialministerin: Sie alle predigen Optimismus und hoffen auf ein deutliches Wirtschaftswachstum. Ein Wachstum, das die großen Probleme des Landes verdrängen soll, bevor Anfang 2007 Steuererhöhungen greifen. Wer Einwände erhebt, wird gerügt und bezichtigt, für die schleppende ökonomische Entwicklung mitverantwortlich zu sein – Einwände wie: Diesem Zweckoptimismus stehen enorme strukturelle Probleme in Gesellschaft, Verwaltung und Politik entgegen; das herbeigesehnte dauerhafte Wachstum kann es nicht geben; und praktisch alle hehren Ziele der Politik sind zuletzt verfehlt worden.
Optimismus erweist sich zwar als ein wichtiger Impuls für Entwicklung und Fortschritt. Allerdings wirkt Optimismus nur positiv, wenn er begründet und mit Realismus gepaart ist. Doch das ist in der Politik die Ausnahme. Ein zweites Manko kommt hinzu: Es fehlt an stringenten Konzepten. Vielmehr wird je nach Leidensdruck ein einzelnes Problem aufgegriffen und mit hohem Aufwand isoliert bearbeitet, wobei man sich oft den Symptomen der Probleme statt ihren Ursachen widmet. Schwierigkeiten lassen sich auf diese Weise nicht aus der Welt schaffen. Arbeitsmarkt, gesetzliche Rentenversicherung und Umwelt zeigen das momentan deutlich.
Doch nicht allein in der Politik ersetzt Zweckoptimismus umfassende gesamtheitliche Analysen und weitsichtiges Handeln. Auch viele Unternehmen wiegen sich durch die Erfahrung eines halben Jahrhunderts Nachkriegsentwicklung in der trügerischen Hoffnung, dass die Wirtschaft ständig und stetig wachsen würde – allenfalls durch vereinzelte kurze Rückschläge unterbrochen. Quantitatives Wachstum ist in der Entwicklung von langfristig überlebensfähigen Systemen aber nur eine vorübergehende Erscheinung. Und die Geschichte zeigt: Auf Phasen stetiger Entwicklung folgen turbulente Zeiten, auf Wachstumsphasen Schrumpfungen. Deshalb werden Unternehmen in Existenzschwierigkeiten geraten, die sich Zweckoptimismus und dem Prinzip Hoffnung hingeben, anstatt sich über Szenarien auch auf turbulente Zeiten vorzubereiten.
Warum stehen wir am Beginn eines Zeitalters wirtschaftlicher Turbulenzen? Die Bundesrepublik Deutschland hat in den letzten fünfzig Jahren eine enorme wirtschaftliche Entwicklung genommen. Allein zwischen 1950 und 1990 hat sich die Jahreswirtschaftsleistung der Bundesrepublik Deutschland inflationsbereinigt etwa mit dem Faktor 6 vergrößert. Ermöglicht wurde diese Entwicklung nicht zuletzt dadurch, dass nach dem Krieg grundlegende Bedürfnisse gedeckt werden mussten. Anschließend konnte Wohlstand geschaffen werden, der in Überfluss mündete. Zugleich erlaubten technologische Vorsprünge auf dem Weltmarkt hohe Exportleistungen, während die eigenen Märkte teils abgeschottet wurden. Die jährliche Wirtschaftsleistung von diesem hohen Niveau aus weiter exponentiell (!) zu steigern ist in einer Marktwirtschaft nicht möglich. Zumal das Faktum, dass die Gesellschaft seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse lebt, heute die Volkswirtschaft hemmt.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich in den vergangenen zehn Jahren in vielen Branchen weltweit Produktionsüberkapazitäten gebildet haben. Dazu führten unter anderem der Abbau des Eisernen Vorhangs, die ökonomische Öffnung Chinas und das Bestreben vieler Volkswirtschaften, ihre Probleme durch Erhöhung des Produktionsausstoßes zu lösen. Parallel dazu hat Europa eine Reihe von protektionistischen Maßnahmen aufgehoben, sodass die Konkurrenz auf den heimischen Märkten wuchs.
Insgesamt werden sich Märkte, aber auch die Gesellschaften weltweit schneller verändern als jemals zuvor. Die Stetigkeit der Wirtschaftswunderzeit ist vorbei. Anstatt darauf zusetzen, die Entwicklung der Vergangenheit fortzuschreiben, sollten Unternehmen ihre Überlebensfähigkeit optimieren. Neben organisatorischen Maßnahmen erfordert dies Wissen: Wissen über die Auswirkungen externe Faktoren auf das Unternehmen. Wie wirkt sich die zunehmende globale Konkurrenz aus? Was bedeuten steigende Rohstoffpreise infolge weltweit zunehmender Produktion? Was ziehen Bevölkerungsrückgang und die Alterung der Gesellschaft nach sich? Weitere wichtige Fragen sind: Wie wirkt der Wertewandel? Welche Chancen und Risiken ergeben sich für das Unternehmen aus der Tatsache, dass der Staat an Handlungsfähigkeit verliert? Und welche Konsequenzen wird der schleichend stattfindende Klimawandel mit seinen vielfältigen und weitreichenden Wirkungen haben?
Werden solche Fragen unternehmensspezifisch systematisch erarbeitet und beantwortet, ergibt sich ein erweitertes Bild vom Unternehmen. Ein Bild, das den Verantwortlichen hilft, die Unternehmung zukunftssicherer auszurichten: durch Innovationen für neue Kundenbedürfnisse und gesellschaftlichen Notwendigkeiten, durch neue Strategien wie dem Verkauf von Nutzen statt Produkten, durch ein Frühwarnsystem für externe „Störfaktoren“ und durch Szenarien für Wirtschaftskrisen. So lässt sich mit begründetem Optimismus in die Zukunft zu blicken.